Interview mit Doc. Ing. Jiří Všetečka

In der deutschen Botschaft wurde im September eine Foto-Ausstellung als Erinnerung an die Flucht von damaligen DDR-Bürgern nach Westdeutschland eröffnet. In den nächsten Monaten wird sie z.B. in Berlin (Charles Point), Dresden oder Göttingen der Öffentlichkeit vorgestellt. Fotograf Doc. Ing. Jiøí Všetečka, dessen Werke zu den ausdruckvollsten Fotos der Ausstellung gehören, war am F.X.Šalda Gymnasium in Liberec zu Besuch:

Was bedeutete es damals in 1989 in die Straßen zu gehen und zu fotografieren?

Jeder Fotograf, der Live-Fotografie machte und ein Journalist war, ging dorthin. Es ist nämlich eine Prestigesache zu dokumentieren. Aber man ging dorthin immer mit einem Risiko. Von den Demonstrationen im Jahre 1988 habe ich zum Beispiel gar keine Fotos, weil ich in 1969 von der Polizei sehr hart geschlagen wurde. Und ich hatte dann Angst.

Als die Flucht von Deutschen in 1989 erlaubt wurde, warteten wir natürlich, was weiter geschehen wird. Am 17. November wurde die Demonstration am Anfang als ein offizielles Andenken an das Jahr 1939 geplant. Aber während des Zugs tauchten mehrere handgeschriebene Transparente auf. Ich foto-gradierte es und dachte mir: "Jetzt wird es Schwierigkeiten geben". Danach wurde die Menge in Národní Straße eingejagt und die Polizei sperrte die Straße ein. Es gibt viele Aufnahmen vor dem Zeitpunkt des Polizeieingriffs, aber aus dem Eingriff selbst gelang es mir bis heute keine Aufnahmen zu finden. Die Fotografen wurden nämlich während des Eingriffs in die Wohnhäuser versteck, damit sie die Polizei nicht herausgriff und ihre Filme nicht in Beschlag nahm. Dadurch wurden diese Filme aus der Demonstration herausgebracht.

Welche Unterschiede gab es für einen Fotografen zwischen dem Jahr 1968 und dem Jahr 1989?

In 68 musste man annehmen, dass er in der Situation sein Leben verlieren kann. Ein Journalist wurde damals erschossen und ein Kameramann schwer angeschossen. Mann musste damit rechnen, dass es geschossen wird. Damals war ich ein Tor. Ich stand vor dem Nationalmuseum und fotografierte, noch bevor die Russen auf es zu schießen begonnen, und plötzlich fühlte ich die heißen Geschosse um mich herum zu fliegen. Eins nahm ich zur Erinnerung mit. In der Zeit standen wir alle gegen die Russen, obwohl es klar war, dass wir es verloren haben.

Dagegen in 89 war alles bunt, man wusste in der Zeit nichts sicher. Die Menschen änderten sich vom Tag zum Tag. Es gab manche Kommunisten, die spürten, dass das Regime fällt, und sie gaben ihre Parteilegitimationen ab. Trotz allem ging es nicht mehr ums Leben, es ging höchstens ums Geschlagenwerden oder, wenn sich die Situation umdrehen würde, um eigene Existenz. Für mich gab es auch einen Unterschied von 20 Jahren, mit 31 hat man ein ganz anderes Lebensgefühl als mit 50.

Ihre Motivation die gefährlichen Situationen zu dokumentieren, war also ihr Prestige oder war es noch etwas anderes?

Falls ich ein Fotograf bin, tue ich es, weil es meine innere Pflicht ist. Es ist keine Selbstbetätigung, es ist der Willen den Augenblick als ein Dokument festzuhalten, das vielleicht in der Zukunft jemanden ansprechen wird.

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