Besuch der deutschen Botschaft am 3.10.1999


Das ist also Politik

Thronsaal der Prager BurgIch möchte keineswegs vortäuschen, dass die Gelegenheit, die wichtigsten Personen der tschechischen und deutschen Politik zu treffen, mein eigenes Verdienst war. An jedem anderen Tages bin ich nämlich Schüler des bilingualen Gymnasiums F. X. Šalda in Liberec, aber am Donnerstag, den 30. September wurde ich ohne mein Zutun zu einem der "Ausgewählten", die an dem Besuch von Gerhard Schröder teilnehmen durften. Trotzdem erlaube ich mir nun, einige meiner Erlebnisse und Beobachtungen kritisch darzulegen. Zu meiner ersten Begegnung mit dem Bundeskanzler kam es im Thronsaal der Prager Burg. Palais Lobkowicz Voll gespannter Erwartung stand ich im dunkelroten, reich gezierten Saal, wo sich schon seit Jahrhunderten wichtige Staatsoberhäupter trafen, und schaute mich um. Einige Schüler versuchten, ihre Ungeduld hinter lauten Gesprächen und Witzen zu verstecken, andere warteten einfach mit ernstem Gesicht . Plötzlich, ohne dass - wie erwartet - etwas Außergewöhnliches geschah, traten Václav Havel und Gerhard Schröder ein. Als erster, wie es sich für einen Gastgeber geziemt, hielt der Präsident eine Rede, dann folgte der Bundeskanzler. Die Wichtigweit des Augenblicks war an dem hohen Grad der Aufmerksamkeit zu erkennen, die die Ansprachen der beiden Männer hervorriefen. Doch wäre es falsch zu denken, dass sie etwas Interessantes sagten - die freundlichen Floskeln gehören zur Kunst der Diplomatie. Die einzige Information, die man fassen konnte, war das vom Kanzler erklärte Jahr 2003 als Termin für den EU-Beitritt Tschechiens.

Václav HavelEs folgte das "Highlight" des Tages, die Veranstaltung im Palais Lobkowicz, dem Sitz der deutschen Botschaft. Eingeladen wurden die Vertreter der tschechischen und deutschen Elite: Politiker, Künstler, einige Zeitzeugen der Ereignisse im September 1989 und, es mag komisch klingen, Schüler bilingualer Gymnasien. Ich fand es zwar höchst interessant, mit den Menschen, die ich bisher nur vom Fernseher oder
aus der Zeitung kannte, in einem gemeinsamen Raum zu sein, aber nach dem Ende des offiziellen Teils des Abends fühlte ich mich, als ob ich die Tür verwechselt hatte. Nicht dass es völlig unerwartet kam, aber ich wurde doch durch die Offenheit überrascht.Schröder + Havel

An der "Party" nahm jeder nämlich nicht nur als er selbst teil, sondern vertrat gleichzeitig au
ch eine bestimmte Funktion oder eine bestimmte Interessengruppe. Während des Abends versuchten natürlich alle, ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Ich kam mir dort nicht vor, als ob ich auf einer Feier anlässlich der Ereignisse vom Herbst 1989 war, sondern eher auf einer Geschäftsverhandlung. Das ist also die Politik, dachte ich mir, erst nach den geflügelten Worten kommen die wahren und wichtigen Angelegenheiten.
Štìpán Böswart 3. 10. 1999


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