Sprach- und Betriebspraktikum im Oberbergischen Kreis
( Regierungsbezirk Köln : 25.01. - 06.02.1999 )

Kurz nach meinem Dienstantritt als Leiter der "Deutschsprachigen Abteilung" am Gymnasium F.X.Šaldy in Liberec hatte ich im Februar 1998 mit dem 12. Jahrgang, der bisher keinen Schüleraustausch mit Schülern aus Deutschland erlebt hatte, ein Betriebspraktikum durchge-führt. Dieser Praktikumsaufenthalt wirkte sich sehr positiv auf die weitere schulische Entwick-lung dieser Jugendlichen aus. Sie verhielten sich in der Schule offener, lernten intensiver, arbeiteten problemorientierter, zielstrebiger und beteiligten sich wesentlich mehr im Unterricht.

Diese positiven Erfahrungen führten zu der Entscheidung, im Februar 1999 wieder ein Betriebspraktikum mit dem 12. Jahrgang durchzuführen. Alle Gastgeberfamilien vom Februar 1998 und auch alle Firmen waren bereit, wieder einen meiner Schüler aufzunehmen.

Die Idee des Betriebspraktikums kommt einer Entwicklung in der Tschechischen Republik entgegen, die jetzt beginnt. Größere und große Unternehmen bemühen sich um Abiturienten, um sie direkt nach dem Abitur einzustellen und auszubilden.

Es hat sich gezeigt, daß unsere Schüler im Betriebspraktikum große Möglichkeiten haben, die Gegebenheiten der Arbeitswelt in Deutschland zu erfahren. Sie konnten Informationen sammeln über Berufe und Berufsfelder, über Arbeitsvorgänge und Arbeitsbedingungen. Zudem ist der tägliche Kontakt mit dem muttersprachlichen Umfeld in den Betrieben und in den Gastgeberfamilien ein nicht hoch genug einzuschätzendes Training für das Erlernen der deutschen Sprache und führt zu einer Motivationssteigerung in der Schule.

Auf die Entwicklung unserer Abteilung kann sich dieses Praktikum auch positiv auswirken. Vorsichtig entsteht bereits ein Kontakt zwischen einzelnen Firmen und unserer Abteilung, von dem wir uns nicht nur eine ideelle Unterstützung unserer Arbeit erhoffen.

Die Vorbereitung dieses Praktikums war sehr arbeitsintensiv und verlief in verschiedenen Ebenen:
  1. Die Schüler der Klasse 4A (Stufe 12) sammelten im November 1998 ihre Wünsche für eine Praktikumsstelle. Es ist mir dann tatsächlich gelungen, alle diese Wünsche zu erfüllen.

  2. Zahlreiche Firmen im Oberbergischen Kreis (Raum Köln) wurden von mir angeschrieben mit der Bitte, einen meiner Schüler für ein Praktikum aufzunehmen.

    Mein Ziel war es Firmen zu finden, die in unterschiedlichen Orten lagen. Dadurch war ein direkter persönlicher Kontakt der tschechischen Jugendlichen untereinander spontan nicht möglich. Diese Situation zielte darauf ab, die Auseinandersetzung mit dem deutschsprachigen Umfeld zu intensivieren.

    Schwieriger war es Familien zu finden , die ein Kind im Alter meiner Schüler hatten, und bereit waren einen meiner Schüler für zwei Wochen in die Familie aufzunehmen, ihn zu versorgen und möglichst auch Ausflüge mit ihm in die Umgebung von Köln/Bonn zu unternehmen (im Sinne eines praktischen Landeskundeunterrichtes ).Als Entschädigung konnten wir nur einen Gegenbesuch in Liberec anbieten. Die Familie sollte auch noch in der Nähe der Praktikumsstelle wohnen, um Fahrtkosten zu sparen.
Das Betriebspraktikum im Raum Wiehl verlief sehr erfolgreich. Fast alle Schüler waren in Familien mit Jugendlichen gleichen Alters privat untergebracht und auf acht Städte verteilt. Sie hatten ihre Praktikumsstellen im kaufmännischen -,technischen -, medizinischen -, sozialpflegirischen - und Bankbereich ebenfalls auf acht Städte verteilt.

Die Schüler wurden während der ganzen Zeit durch mich betreut und die Firmen regelmäßig von mir besucht. Außerdem unterstützten mich am Anfang die Klassenlehrerin - Frau Hrušková - und die letzten fünf Tage mein tschechischer Kollege Herr Rudolf Folke.

Um die Erfahrungen dieses Aufenthaltes zu erweitern, verbrachten wir einen Tag in Bonn. Wir wurden in der Botschaft der Tschechischen Republik begrüßt und von der Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Frau Dr. Antje Vollmer, zu einem längeren Gespräch im Bundestag empfangen. Die Stadt Köln , den Dom und das Ludwig-Museum lernten die Schüler bei zwei Besuchen kennen.

Nicht nur der persönliche Einblick in das Berufsleben in Deutschland, sondern auch die sprachliche Auseinandersetzung in den Betrieben, in den Gastfamilien und im Freundeskreis der oberbergischen Jugendlichen, förderten besonders intensiv die sprachliche Entwicklung unserer Schüler. Dies zeigte sich bereits direkt im Anschluß an das Praktikum im Unterricht in allen Unterrichtsfächern.

Sehr dankbar bin ich daher dem Deutsch - Tschechischen Zukunftsfond, der dieses Praktikum für sehr wichtig anerkennt und daher auch finanziell unterstützt.

Die im Zusammenhang mit diesem Praktikum enstandenen persönlichen Kontakte werden werden auch in der Zukunft weiterbestehen. Einige meiner Schüler aus Liberec sind für die Sommerferien in den Oberbergischen Kreis eingeladen. Einige Gastgeber aus dem Oberbergischen Kreis haben schon eine Einladung nach Liberec angenommen. Alle Gastgeberfamilien und alle Firmen sind bereit, im kommenden Schuljahr wieder einen Praktikanten aufzunehmen. Von allen Beteiligten, Betriebsleitern sowie Praktikanten, wurde das Praktikum als sehr positiv beurteilt. Es besteht der Wunsch, diesen Sprachaufenthalt verbunden mit einem Praktikum bei Firmen in Deutschland in den kommenden Jahren für diese Altersstufe wieder durchzuführen.

Die positiven Erfahrungen aus dem Pilotprojekt haben gezeigt, daß für die Schüler der deutschsprachigen Abteilung dieses Praktikum in Zukunft in unsere schulische Arbeit integriert werden muß.

Hans-Jürgen Liske
Leiter d.deutschsprachigen Abt.
Liberec, den 06.03.1999

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