Prager Frühling 1968 in Liberec


Zum dreißigsten Jahrestag der Zerschlagung des Reformprozesses, der als Prager Frühling bekannt ist, arbeitet unsere Schülergruppe aus der deutschsprachigen Abteilung des Gymnasiums "F. X. Šaldy" in Liberec unter der Anleitung unseres Geschichtslehrers Michael Walter das "Projekt Prager Frühling 1968 in Liberec" aus. Dieses Projekt soll in Form einer Ausstellung seinen Höhepunkt haben, und wir wollen uns nicht nur auf die Sicht von der tschechischen Seite begrenzen, sondern es sollen auch Schüler aus Deutschland (Christian- Weise- Gymnasium in Zittau ), Polen (Wirtschaftsgymnasium in Luban) und Österreich teilnehmen. Deshalb möchten wir durch diesen Weg auch die Öffentlichkeit informieren, und wir würden auch für jede weitere Information oder jede an uns übermittelte Erinnerung eines Zeitzeugens sehr dankbar sein.

Der Prager Frühling ist einer der bedeutendsten Versuchen, das sozialistische bzw. kommunistische Staatsmodell von innen heraus zu reformieren. Zwar ist dieser Prozess das Ergebnis einer tiefen Wirtschaftskrise und eines slowakischen Nationalismus gewesen, aber trotzdem dass die Reformer nur einen kurzen Zeitraum von Januar bis August 1968 zur Verfügung hatten, haben die Initiatoren bald eine breite Volksunterstützung gewonnen. Und trotzdem haben die Reformer teilweise ihre Kontrolle über die Situation durch die unerwarteten Demokratisierungsforderungen (siehe, Manifest der 2000 Wörter) verloren, durch die Invasion am 21. August der Armeen der UdSSR, Polens, der DDR, Bulgariens und Ungarns hat sich aber fast unser ganzes Volk gegen diese Okkupation unter der Führung der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KPÈ) gestellt und einen passiven und z. T. auch aktiven Widerstand geleistet. Zu den wichtigsten Widerstandszentren gehörte auch Liberec, was sich auch an der hohen Zahl der getöteten Opfer zeigt.

WitzAus der heutigen Sicht ist es vor allem deswegen interessant, weil in diesen kritischen Augusttagen Václav Havel persönlich in Liberec anwesend war. Aber nicht nur sein damaliges politisches Engagement ist Gegenstand unseres heimatkundlichen Interesses gewesen. Wir haben insgesamt vierzehn verschiedene Thematiken untersucht. Unter anderem interessierten wir uns für das Verhalten der einfachen Menschen (wie z.B. der Studenten oder die couragierte Tat von Dr. Libor Mrázek, des Direktors der Stadtbibliothek in Liberec), die oft zu Protagonisten des zivilen Widerstandes und moralischen Anstandes wurden. Aber wir wollten die damalige Situation auch aus der heutigen Sicht der Vertreter, der damals wichtigen Institutionen (wie z.B. des Bürgermeisters Jiøi Moulis, eines Soldaten der tschechoslowakischen Volksarmee oder eines Verkehrspolizisten) untersuchen. Wichtig war für uns auch die Rolle der Medien, in diesem Fall der Liberecer Zeitung "Vpøed" (Vorwärts) und des Liberecer Rundfunkstudios, weil dort damals Václav Havel gearbeitet hatte. Seine Tätigkeit ist für uns ein wichtiger Schwerpunkt der Projektarbeit gewesen. Besonders zeitgeschichtlich wertvoll finden wir seine Radiomontage, die eine Reflexion auf die Invasion bzw. auf die leidvolle tschechische (tschechoslowakische) Geschichte des 20. Jahrhunderts ist. Die damalige Situation wurde realistisch ausgewertet und die unvermeidbare Zukunft angedeutet.

Der eigentliche Höhepunkt des Projekts wird eine Ausstellung sein, wo unter anderem auch die Grabrede für die Opfer, die am 24. August 1968 vom tschechischen Schauspieler Vladimír Volek gehalten wurde, als Tondokument enthalten sein wird. Diese emotionelle Grabrede zur Erinnerung der ersten sechs Opfer der Invasion, und selbstverständlich auch aller anderen Opfer, ist für uns eine moralische Begründung, diese Ausstellung zu veranstalten. Besonders in der Zeit dieses Jahrestages dürfen wir nicht unser geschichtliches Trauma unbeachtet übergehen.
Artikel von Václav Jakl für die "Prager Zeitung" und "Sächsische Zeitung"

Zurück zu Geschichte

Tel. + fax: +420 / 482 710 660            deutsch@gfxs.cz